1. August-Rede 2019 in Giffers/Tentlingen

Liebe Einwohnerinnen und Einwohner von Giffers und Tentlingen, werte Gäste

 

Zuerst herzlichen Dank für die Einladung. Ich habe mich sehr gefreut, heute, am 1. August ein paar Worte an euch zu richten.

Talente gesucht - dieser Aufruf der Gemeinde an die Bevölkerung von Giffers und Tentlingen vor ein paar Wochen hat mich inspiriert für meine heutige 1.August-Rede!

 

Giffers Tentlingen steckt ganz sicher voll von talentierte Köpfe, in uns allen schlummert nämlich mindestens ein Talent -  und doch hat sich niemand für eine heutige Darbietung gemeldet. Das ist fast überall so. Aber warum ist es so?

 

Der Grund ist ganz bestimmt auch unsere Bescheidenheit – grad wir Sensler meinen, ein Talent müsse etwas Herausragendes sein. Doch dem ist nicht so. Nicht immer sind Talente so augenfällig wie die musikalische Begabung  vom Mozart oder das Ballgefühl einer Profifußballerin oder gar eines Roger Federer. Es gibt auch ganz viel versteckte und schlummernde Talente, welche nur darauf warten, entdeckt zu werden. Und wer weiss, evtl. entdeckt grad heute Abend jemand von euch ein Talent bei sich und startet auf zu neuen Ufern…

  

Aber: Talent allein genügt eben nicht, es braucht  auch Mut dazu, seine Talente einzusetzen. Es braucht auch Mut, sein Talent der Öffentlichkeit vorzustellen. Talent und Mut gehören sozusagen zusammen. Das sind auch zwei wichtige Eigenschaften, welche zur Gründung unserer Schweiz geführt haben. Wenn die drei Gründerkantone Uri, Schwyz und Unterwalden, resp. ihre Vertreter, nicht den Mut und das Talent gehabt hätten, einen Bund gegen die Vögte der Habsburger  zu schliessen, gäbe es wahrscheinlich heute keine Schweiz, wir hätten nie die Chance erhalten, unser Land zu entwickeln und voranzutreiben, um heute eine Schweiz zu haben, wie wir sie schätzen und lieben – auch wenn es nicht immer ganz einfach ist.  

 

Zum Talent und Mut gehören aber auch Fleiss und Selbstvertrauen dazu! Also zahlreiche Eigenschaften müssen vorhanden sein. Und ganz wichtig: Die Talente müssen  natürlich entsprechend entdeckt und gefördert werden.

  

Und was meinen Sie, wo sollte man all diese Eigenschaften erwerben und wo werden Talente am ersten entdeckt? Wie fast überall, zieht sich auch hier die Bildung wie ein roter Faden durch unser Leben. So heisst es denn auch im kantonalen Schulgesetz Art. 3 „Die Schule hilft den Schülerinnen und Schülern, ihre Begabungen und Fähigkeiten bestmöglich zu entfalten“.

 Aber wie kann die Schule alle Schülerinnen und Schüler adäquat fördern?

 In erster Linie brauchen wir eine Schule für alle. Eine Schule, welche nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken und Talente ihrer Schülerinnen und Schüler erkennt und diese entsprechend fördert.

 

Wir alle wissen, wie sehr sich die Schule in den letzten Jahren verändert hat. Sie muss sich laufend dem gesellschaftlichen Wandel anpassen.  Heute sind in einer Klasse verschiedenste Kinder integriert:  Hochbegabte, Lernschwache, Fremdsprachige, Kinder mit besonderen Bedürfnissen und so weiter. Und bei all diesen Unterschieden  müssen die Lehrpersonen individuell auf die Kinder eingehen. Das ist bei all den gestellten Ansprüchen und Bedürfnissen wirklich nicht einfach. Wenn eine öffentliche Schule erfolgreich bleiben will und ihre Schüler und Schülerinnen korrekt fördern will, müssen ihr genügend personelle Ressourcen und finanzielle Mittel gesprochen werden. Bildung ist unsere stärkste Ressource, deshalb gilt als oberste Maxime: Bei der Bildung darf nicht gespart werden! Wir brauchen Bildungsverantwortliche, die sich dafür mit Talent und Mut einsetzen.

  

Nun spielt natürlich nicht die Schule, die Bildung alleine eine Rolle bei der Entdeckung und Förderung der Talente, nein – die allererste entscheidende Rolle haben die Eltern! Es ist auch heute noch so, dass das Elternhaus einen sehr starken Einfluss darauf hat, ob jemand später eine gute Ausbildung geniesst und seine Talente gefördert werden oder nicht.

  

Nicht jedes Kind hat das Glück, dass seine Begabungen und Talente von Eltern und Lehrpersonen früh wahrgenommen und gefördert werden! Wohlhabende Eltern können es sich z.B.  leisten, ihre Kinder früh zum Sport, in den Musikunterricht und ins Ballet zu fahren, oder ihnen Nachhilfeunterricht zu bezahlen. Aber es gibt eben nicht nur wohlhabende Eltern in unserem Kanton, in der Schweiz, sondern auch Eltern, die am dem Existenzminimum leben oder gar darunter.

 

Der erste Armutsbericht unseres Kantons hat es glasklar aufgedeckt:  Im Jahr 2011 (das sind auch schon 8 Jahre her) waren 3361 Kinder von Armut betroffen, 40 % davon leben in Einelternfamilien, meistens mit der Mutter als Alleinerzieherin. Da bleibt kein Geld und keine Zeit zur Talententdeckung und –Förderung. Da muss man schauen, dass man irgendwie durchkommt mit dem was man hat!

 

Klar, in unserer reichen Schweiz muss niemand verhungern, bei uns geht es mehr um Ausgrenzung, um das „Nicht-Mithalten-Können“. Kinder aus armen Familien haben viel weniger Chancen, und so kommt es, dass sie selber später mit grosser Wahrscheinlichkeit arm bleiben, denn Armut ist bekanntlich vererbbar“.

 

Es gibt darum noch viel zu tun, für gerechte Chancen für all unsere Kinder:

 z.B. genügend bezahlbare Betreuungsplätze zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie:

 Oft ist es so, dass beide Elternteile arbeiten müssen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Damit die Eltern aber auch arbeiten können, müssen sie bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder finden. In der Schweiz ist das alles andere als billig! Die OECD hat in einer Untersuchung festgestellt, dass die Kinderbetreuung nirgendwo teurer ist als in der Schweiz. In der Schweiz müssen Eltern etwa 1/3 ihres Einkommens für einen Platz in der Kita ausgeben, doppelt soviel wie Eltern in europäischen Vergleichsländern. Das ist doch widersinnig, weil gerade solche Plätze spielen eine grosse Rolle bei der Frühförderung und ebenfalls bei der Chancengleichheit. Die Kinder lernen früh voneinander und verbessern so ihre Sozialkompetenzen, was heute bei unseren Kleinfamilien sehr wichtig ist. Viele lernen gleichzeitig noch gerade spielerisch die hiesigen Sprachen und hier werden Begabungen und Talente bei allen Kindern frühzeitig erkannt!

  

Doch auch direkte finanzielle Unterstützung  durch Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien würden diese Familien entlasten und deren Kinder stärken. Vier Kantone kennen diese Leistungen seit langem. Wir Freiburgerinnen und Freiburger warten seit über 10 Jahren darauf. Irgendwo in den Schubladen in Freiburg wartet ein entsprechender Gesetzesentwurf seit Jahren auf seine Vernehmlassung. Der Bund seinerseits hat zwar das «Nationale Programm gegen Armut» nach fünf Jahren um weitere fünf Jahre verlängert, aber mit einem entscheidenden Unterschied! Es gibt deutlich weniger finanzielle Mittel. Statt 1,8 Millionen erhält das Programm noch 500'000 Franken pro Jahr und delegiert die Verantwortung grösstenteils an die Kantone und Gemeinden.

Aber hier braucht es eine schweizerische Lösung, darum denkt bei den bevorstehenden nationalen Wahlen daran: Wir brauchen Politikerinnen und Politiker mit Mut und Talent, die sich hartnäckig auch für die Familien und Chancengleichheit einsetzen!

  

Die Schweiz macht aber auch vieles richtig.

 Z.B. sind wir die letzten 4 Jahre auf Platz Nr. 1 gewesen im Wettbewerb um die  besten Talente bei den Fachkräften. Die Schweiz steht damit an der Spitze von 119 Ländern. Und auch dieser Umstand ist in erster Linie dem Bildungssystem in der Schweiz zu verdanken. Die duale Aus- und Berufsbildung ist eine grosse Stärke der Schweiz, dazu müssen wir Sorge tragen

 Wir brauchen auch in Zukunft mutige und talentierte Visionäre, damit die Schweiz ihren hohen Standard halten kann.

 

Und wenn wir schon von Talenten reden – müssen wir logischerweise auch über die Frauen reden J – Wie sieht die Förderung der Frauen aus?

In der Schweiz ist die Gleichstellung der Geschlechter schon seit 38 Jahren  in der Bundesverfassung verankert! Beim vorhin erwähnten Index schneidet die Schweiz bei den Fachkräften wie gesagt sehr gut ab, bei der Talentförderung von Frauen hingegen gar nicht! In Bezug auf weibliche Mitarbeitende mit Universitätsabschluss rangiert sie nur auf dem 86. Rang, bei Frauen in Führungspositionen ist die Schweiz im internationalen Vergleich nur auf Rang 21. 

 

Rechtlich hat die Schweiz diesbezüglich zwar viel erreicht. Aber von einer «tatsächlichen» Gleichstellung der Geschlechter – wie es in der Verfassung steht – sind wir weit entfernt. In einer tatsächlich gleichgestellten Schweiz führen Frauen die Hälfte aller Kantone, die Hälfte aller Städte und die Hälfte aller Firmen. In einer tatsächlich gleichgestellten Schweiz übernehmen Männer die Hälfte der unbezahlten Arbeit in Haus und Familie, sie übernehmen auch die Hälfte der ehrenamtlichen und unentgeltlichen Arbeit !

 Hier gibt es noch viel zu tun! Wir brauchen auch weiterhin mutige, talentierte und solidarische Frauen und auch Männer, die sich ua. für gleiche Chancen und gleichen Lohn bei gleicher Arbeit für Frauen einsetzen. Wir brauchen darum auch mehr Frauen in der Politik. Frauen haben einen anderen Lebenshintergrund und setzen deshalb auch andere Prioritäten als ihre männlichen Kollegen.

  

Last but not least - im Jahr 2019 darf an einer 1.-August-Feier das Thema Umwelt nicht fehlen

Die Schweizer-Jugend zeigt uns aktuell, dass sie für ihre Welt und ihre Schweiz zusammen einsteht. Sie kämpft für eine lebenswerte Umwelt, auch für die nächsten Generationen. Das ist dringend nötig und braucht Mut, gerade weil das nicht allen passt und ihnen auch viel Kritik einbringt!

 

Weil viele sagen  die kleine Schweiz könne gar nichts zum Klimawandel beitragen, möchte ich Ihnen zuletzt noch eine kurze indische Sage vorlesen:

Eines Tages brach im Wald ein großes Feuer aus, das drohte alles zu vernichten. Die Tiere des Waldes rannten hinaus und starrten wie gelähmt auf die brennenden Bäume. Nur ein kleiner Kolibri sagte sich: "Ich muss etwas gegen das Feuer unternehmen." Er flog zum nächsten Fluss, nahm einen Tropfen Wasser in seinen Schnabel und ließ den Tropfen über dem Feuer fallen. Dann flog er zurück, nahm den nächsten Tropfen und so fort.

All die anderen Tiere, viel größer als er, wie der Elefant mit seinem langen Rüssel, könnten viel mehr Wasser tragen, aber all diese Tiere standen hilflos vor der Feuerwand. Und sie sagten zum Kolibri: "Was denkst du, das du tun kannst? Du bist viel zu klein. Das Feuer ist zu groß. Deine Flügel sind zu klein und dein Schnabel ist so schmal, dass du jeweils nur einen Tropfen Wasser mitnehmen kannst." Aber als sie weiter versuchten, ihn zu entmutigten, drehte er sich um und erklärte ihnen, ohne Zeit zu verlieren: "Ich tue das, was ich kann. Ich tue mein Bestes."  

  

Es ist der Wille, auch im Kleinen etwas beitragen zu können, der Glaube, etwas zum Guten zu wenden und der Mut, überhaupt etwas zu tun, was uns weiterbringt!  Wir brauchen unsere Jugend mit all ihren Talenten und ihrem Mut! Sind wir doch stolz, dass sie sich unbeirrt und hartnäckig für die Zukunft einsetzt. Es ist die Jugend, die nicht nur ihre eigene Zukunft bestimmt, sondern auch die Zukunft ihrer Kinder und nicht zuletzt auch unsere eigene Zukunft! Freuen wir uns über eine mutige und talentierte Jugend, freuen wir uns auf unsere Zukunft und die Zukunft der Schweiz auf einem langfristig sicheren Planenten Erde.

  

In diesem Sinne wünsche ich euch allen weiterhin ein schönes Fest, dass es euch gut geht, alles Beste, viel Glück und Zufriedenheit.

 


Langes Warten - kurze Antwort ... aber es geht vorwärts!

Keine Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien in naher Zukunft...

Einmal mehr wurden die geplanten Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien im Regierungsprogramm 2018 - 2021 nach hinten geschoben - auf Ende 2021!

Dies nachdem es sich dabei um einen Verfassungsauftrag handelt und das Parlament bereits im Jahr 2010 eine entsprechende Motion mit grosser Mehrheit angenommen hatte!
Ca. 1875 Familien warten also weiterhin auf Unterstützung .... Ich finde das beschämend für unseren Kanton, der finanziell sehr gut dasteht!

 

Hier der Link zum Regierungsprogramm:

http://www.fr.ch/ce/de/pub/index.cfm

 


Interview (auf Seite 2) mit SYNA zum Thema Armut im Kanton Freiburg.
https://syna.ch/images/syna_magazin/pdf/SyMa_Mittelland.pdf

 

Interview mit der Direktorin Caritas Fribourg zum Thema Armut im Kanton Freiburg.

 

Zu lesen im Caritas.mag No 16 - Oktober 2017 (Druckversion S. 16)

Interessant sind auch die Aussagen von Frau Staatsrätin Anne-Claude Demierre (S. 12) 


Bericht in den FN - Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien



Parlamentarische Anfrage betr. Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien vom August 2017

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170725 EL für einkommensschwache Familie
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Antwort des Staatsrats auf die parlamentarische Anfrage zum Thema Schulgesetz

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170703 de_QA2017CE54_Schneuwly_Maeder_Bu
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1. August-Rede 2017 in Kerzers

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Wahl in die kantonale Kommission der Loterie Romande

Der Staatsrat hat mich als neues Mitglied in die kantonale Kommission der Loterie Romande gewählt für die Periode vom 1. Juli 2017 bis zum 30. Juni 2022. 


Wahl in die kantonale Kommission für Gesundheitsplanung

 In der Juni-Session des Grossen Rates wurde ich als Mitglied der Fraktion Mitte-Links-Grün in die kantonale Kommission für Gesundheitsplanung gewählt.

Da ein zweiter Wahlgang nötig wurde, habe ich mich zur Kandidatur entschlossen und wurde mit soliden 66 Stimmen gewählt. Damit ist unsere Fraktion auch in dieser wichtigen Kommission vertreten. 


Wiederwahl in den Grossen Rat

Grossratswahlen vom 6. November 2016

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